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Gedanken zum Thema Respekt

Respekt im Tae Kwon-Do und im Leben


Respekt ist wichtig! Kampfkunst als Hilfe ein rücksichtsvoller und respektvoller Mensch zu werden.

Vor einigen Tagen veröffentlichte ich einen kurzen Textschnipsel, welcher sich mit dem Thema Respekt befasste. Drauf gekommen war ich, als ich die Kopie einer Seite aus einem alten Kampfkunstmagazin (BUDO-International von 1997) wiederfand. In diesem ging es um Lesermeinungen zum Thema Gürteljäger und Respekt im Allgemeinen. Titel: "DO" - nur noch etwas für die ewig Gestrigen?

 

Ich habe mit Tae Kwon-Do begonnen, als respektvolles Verhalten noch sehr aktiv gelehrt wurde. Aus heutiger Sicht scheint es mir so, als wurde nicht grundsätzlich davon ausgegangen, dass man diese Eigenschaft schon erworben hatte – schon gar nicht als Jugendlicher. Vielmehr wurde einem dieses Verhalten aktiv vorgelebt. Als Beispiele sind folgende Punkte zu nennen:

  1. Beim Betreten der Trainingsfläche hat man sich zu verbeugen. Dies gilt als Begrüßung des Trainingsraumes und derer die schon dort sind. Des Weiteren kann man es mit dem Auskippen einer vollen Tasse vergleichen: Durch die Verbeugung soll man den Alltag ablegen und seinen Geist für das frei machen, was kommt. Tut man dies nicht, würde die Tasse überlaufen, sobald man zu viel hineingibt.
  2. Man begrüßte immer zuerst den Ranghöchsten im Raum, also den Meister. Zu beachten ist hier, dass ein Schwarzgurt nicht immer automatisch auch ein Meister ist.
  3. Ein Ranghöherer ist immer auch als solcher anzusehen. Er hat bereits den Teil des Weges gemeistert, den man selbst noch vor sich hat. Dies verdient immer Achtung und Respekt.
  4. Beginnt der Unterricht, so werden alle persönlichen Belange des Alltags beiseite gepackt. Man hat sich auf das zu konzentrieren, was einem vom Meister gelehrt wird. Man selbst hat einen Grund, warum man mit dem Kampfkunstunterricht begonnen hat. Der Meister weiß und respektiert das für gewöhnlich und wird jedem Schüler helfen die gesteckten Ziele zu erreichen. Wie schnell das geht, hängt immer von dem Zusammenspiel zwischen Schüler und Meister ab. Ein Einfordern einer Prüfung ist z. B. absolut unhöflich und respektlos. Dies zeigt ein Misstrauen gegenüber dem Meister auf, welches zu keinem guten Ergebnis führen kann.
  5. Ein Meister ist nicht nur Meister, wenn er seinen Anzug trägt. Es gilt der Grundsatz, dass man die Lehre nicht hinter sich zurücklassen soll, wenn man den Unterricht verlässt. Ein Meister lebt diesen Stil für gewöhnlich 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Dies bedeutet allerdings nicht, dass er als Mönch zurückgezogen im Kloster lebt. Er überträgt viel mehr das Gelernte aktiv in den Alltag.
  6. Ich habe dies sehr gut an meinem Meister beobachten können. Sein Verhalten gegenüber anderen Meistern oder Großmeistern war stets respektvoll. Er ließ grundsätzlich immer erst den anderen gewähren. Er machte Platz, wenn ein Meister kam, der ihm aufgrund seiner Dan-Stufe höhergestellt war. Am leichtesten lässt sich dies mit dem Beispiel vergleichen, dass ein jüngerer Mensch einem älteren immer einen Platz anzubieten hat – egal ob Zuhause, im Park, im Restaurant oder im Bus/Zug. Dies tat er nicht nur im Anzug. Dieses respektvolle Verhalten kam auch zum Tragen, wenn einmal gemeinsam gefeiert wurde – was nicht selten war.
Warum ich diesen Artikel gerade jetzt schreibe? Nun, das angerissene Thema lässt mich nicht mehr schlafen. Es ist kurz nach 5 Uhr und der Kopf arbeitet auf Hochtouren. Für mich eine unbefriedigende Gegebenheit, da dies als absolut untypisch anzusehen ist. Was war passiert?

Vor einigen Tagen ging ein Gegenstand zu Bruch, welcher mit großem emotionalem Wert verbunden war. Es handelt sich um einen Glaspokal, welchen ich von einem italienischen Freund zum 5. Dan erhalten hatte. Die Trophäe ging kaputt, weil sich ein Schüler unbedingt durch eine Gruppe von Kindern und Eltern drängen musste und so mit dem Ärmel daran hängen blieb. Die Trophäe - sie stand bereits seit über einem Jahr an dieser Stelle - viel auf den Boden und zerbrach in tausende Teile. Ein Unfall, klar.

Ich selbst war mit dem Unterschreiben der Kinderausweise beschäftigt und bekam alles nur aus dem Augenwinkel mit. Als Meister hat man natürlich gelernt, dass dieser Unfall nichts ist, worüber man sich aufregen sollte. Es ist Material zu Bruch gegangen und es wurde niemand verletzt. Zahlreiche Schüler halfen sofort die Scherben zu entfernen um nachfolgende Verletzungen durch ein Hineintreten zu vermeiden.

 

Was mich so beschäftigt, ist jedoch die Reaktion des betreffenden Schülers. Von Reue war nicht wirklich was zu spüren. Als erste Reaktion wollte er darauf verweisen, dass die Trophäe falsch stand – in meiner Schule. Da die Zeit für die zweite Trainingseinheit bereits gekommen war, kümmerte ich mich vorerst nicht um die Klärung der Situation. Der Unterricht ist schließlich wichtiger. Nach dem Training war das Ganze noch einmal kurz Thema.

 

Verblüfft war ich darüber, dass vom betreffenden Schüler weder eine wirkliche Entschuldigung, noch ein Angebot der Wiedergutmachung kam – für mich nicht nachvollziehbar. Stattdessen brachte er die Forderung nach einer noch fehlenden Urkunde für ein Seminar, an welchem er teilgenommen hatte vor. Blöd nur, dass gerade dieser Schüler seit über einem Monat die Teilnahmegebühr schuldig war. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es gewisse Regeln gibt, die doch bitte einzuhalten sind. Unbeeindruckt zog er das Gespräch jedoch immer wieder ins Lächerliche. Für mich eine sehr unangenehme Situation, da ich stets eine offene Wort-Konfrontation, schon zum Schutz des Schülers, versuche zu vermeiden. Selbst in den darauffolgenden Trainingseinheiten kam nichts. Das für mich sehr wertvolle Erinnerungsstück ist hinüber…

 

Diese Situation spiegelt für mich sehr deutlich wieder, inwieweit noch respektvolles Verhalten in jüngeren Menschen steckt. Natürlich gibt es zahlreiche positive Ausnahmen. Ein gewisser Trend lässt sich allerdings recht leicht erkennen. Ich denke, dass die Schulung von Anstand und Respekt wieder mehr in den Vordergrund rücken sollte. Eine Gesellschaft kann nur dann gut und erfolgreich zusammenleben, wenn sie respektvoll miteinander umgeht.

 

Ich bewundere an dieser Stelle noch immer den Großmeister Ralf Peter (7. Dan) aus Wiesbaden.  Er ist ein gutes Beispiel für eine gestandene Persönlichkeit im Tae Kwon-Do. Er galt damals bei meinen Mitschülern und mir lange als Mysterium. Er war einer der Meister, die man sofort auch als solche erkannte.

Ähnliches gilt für den Großmeister Hans Kaiser (6. Dan) aus Band Tölz. Ich erlebte, wie er im vergangenen Jahr einen Schwarzgurt vor der versammelten Mannschaft zusammenstauchte. Dieser Schwarzgurt hatte anscheinend einer ihm fremden Frau aus dem Auto heraus  hinterher gepfiffen. Da er dies im Rahmen einer Tae Kwon-Do Tour tat, hatte  er nun die Konsequenzen zu tragen. Ich habe Großmeister Hans Kaiser noch nie so in Rage erlebt. Er machte dem Schwarzgurt sehr deutlich klar, dass solch ein Respektloses Verhalten in unseren Reihen nicht geduldet wird. Ich selbst zuckte kurz zusammen. Es war eine extrem deutliche Ansage mit Signalwirkung für alle anderen anwesenden - es handelte sich ausschließlich um erwachsene Frauen und Männer. Aus meiner Sicht völlig zu Recht.

 

Als Schlussbemerkung ein paar Hinweise zu meiner Lehre zum Thema Respekt:

Ich bin in einer kleinen Gemeinde aufgewachsen. Als Krankenschwester kannte meine Oma so ziemlich jeden Einwohner. Gleiches galt für meinen Opa - er war Finanzbuchhalter in der Landwirtschaft. Da ich sehr oft bei ihr war, kannten diese Leute oft auch mich. Ich hatte also jedem, den ich auf der Straße traf, freundlich "Hallo" zu sagen. Tat ich es mal nicht, wusste es meine Oma, noch bevor ich bei ihr ankam. Älteren Leuten wurde stets der Vortritt gelassen. Tat man das mal nicht… Oma…

Macht man so was heute, wird man komisch angeschaut. Da zückt auch gleich ein zweiter das Smartphone aus der Tasche um den Notruf zu wählen. Das ist ja nicht mehr normal. Da muss sicher eine Geistige Störung vorliegen. Man grüßt doch keinen anderen Menschen ohne jeglichen Grund...

 

„Bitte“ und „Danke“ waren keine Fremdwörter. Es wurde gut drauf geachtet, dass diese kleinen Wörter nicht zu kurz kamen. Interessanterweise meinten wir damals noch, was wir sagten.

 

Im Tae Kwon-Do galt es, Respekt gegenüber dem Meister und den Mitschülern zu zeigen. Tat man das mal nicht … nein, nicht Oma … Joachim (Jogi) Reinhardt aus Kempten. Dieser Großmeister schaffte es ganz gut aufzuzeigen, was es heißt respektvoll zu sein. Die Quittung, wenn wir es mal nicht waren, bekamen wir recht schnell – und die hatte es in sich. "Sehen Sie diesen Turm ..." und "Block halt richtig..." waren zwei Aussagen, die sich fest in unsere Köpfe gebrannt haben. Betroffene wissen die Aussagen zu deuten. Damals habe ich die Meister teilweise verflucht. Heute bin ich ihnen dankbar für die geleistete Unterstützung.

 

In meiner Lehre zum Sport- und Fitnesskaufmann waren es mein Chef, Uwe Michel, sowie dessen Team (Anja, Josh, Rene und Manfred), welches mir den Kopf zurecht rückten. Allein die Konstellation war schon recht interessant: Ein ehemaliger Lehrer, eine Sozialpädagogin, ein Fitnesstrainer,  ein Mitarbeiter der Psychiatrie und ein aktiver Lehrer für Sonderschüler. Es war für alle Eventualitäten jemand da...

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