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Tobia Teich - Erfahrungsbericht 2018-01

Ich und Tae Kwon-Do - Ein Bericht von Tobia Teich


"Der Weg, wie das Leben, ist kein Wettbewerb. Nie übertreiben wollen, dein Körper würde dir bald die Rechnung vorlegen. Beobachten, betrachten, stehen bleiben, genießen. Das ist es, was der Weg dich lehren wird."

Spruch in einer Pilgerherberge

Tobia Teich - Schülerin der Budosport- und Kampfkunstschule Jena

Wochentags, abends nach 18:00 Uhr. Meine Sportfreunde und ich schwitzen mit hochrotem Kopf. Liegestütze. Der Meister zählt: Eins, zwei, drei, …- tiefer - zehn, elf, … - Hintern runter! - …. 18, 19… Warum tue ich mir das an? Die Nachbarn sitzen jetzt vor der Glotze und trinken ihr Weinchen. 20, 21…  ehrmals die Woche nach der Arbeit gehe ich nicht heim, sondern zum Sport, in die Kampfkunstschule. Oft suche ich vor dem Weg dorthin nach Gründen, nicht zu gehen. Und dann gehe ich doch! Ich weiß, dass ich mich danach besser fühle, den Kopf frei habe und bessere Laune habe. Seit fast neun Jahren mache ich das jetzt. Der letzte Text ist jetzt 6 Jahre und einige Gürtelprüfungen her. inzwischen trage ich den roten Gürtel. Ich kann es selbst kaum glauben. Wie kam das alles?

 

Als ich anfing mit dem Taekwondo, wollte ich Sport treiben. Das tue ich auch. Und nicht zu knapp. Dabei gerate ich immer wieder an meine Grenzen. Und immer wieder versuche ich diese Grenzen ein Stück weiter zu schieben. Nach fünf Jahren regelmäßigem Training waren meine Rückenschmerzen fast ganz weg. Und das jahrelange Beckenbodentraining war nun endlich erfolgreich geworden und das ganz nebenbei. Wir haben viele gute Bekanntschaften gemacht durch den Sport. Wir hatten tolle Erlebnisse. Wir trafen Meister Kwon und andere Meister, die Eindruck hinterließen.  Und langsam wurde aus dem Sport die Kunst.

 

Ich wollte nicht mehr nur Sport machen. Jetzt hat es mich gepackt, nun marschiere ich auf den Black Belt zu. So

als nächstes Ziel. Es ist mir ein Bedürfnis geworden, meine Hyongs zu laufen oder die eine oder andere Kombination aus dem Training. Auch daheim oder im Urlaub. Und wenn abends im Kopf die Gedanken kreisen, laufe ich die Hyongs halt im Kopf. Ist viiiel besser als Schäfchen zählen, die laufen eh immer durcheinander.

 

Wenn ich aus irgendeinem Grund mal ne Weile nicht zum Training gehen kann, fehlt mir was. Es fehlt die Bewegung, es fehlen die Sportfreunde, die Atmosphäre... Die Stunden auf der Matte mit den anderen geben Kraft. Auch wenn das paradox klingt, denn nach diesen Stunden bin ich stets völlig kraftlos und müde am Körper, aber frisch und erholt im Geist. Und trotzdem frage ich mich oft, warum ich das tue. Oder besser, werde ich gefragt. In meinem Alter müsste ich das doch nicht und abnehmen müsste ich doch auch nicht.

 

Nein, ich muss nicht abnehmen. Und ich muss auch nicht mehrmals die Woche abends in einer schlecht gelüfteten Halle mit zahlreichen feucht müffelnden Kindern und Erwachsenen rumtoben und völlig außer Puste meine körperlichen Grenzen ausloten. Aber ich will es! Ich will sehen, was ich kann. Mein Körper versucht mich auszutricksen, es tut da und dort weh. Aber ohne den Sport tut mehr weh. Und der Umgang mit den jungen Leuten tut gut und hält frisch. Zu sehen, was die Jungen können, spornt an. Zu sehen, was sie nicht können, erdet. Große Sprünge mach ich nicht mehr. Doch wo steht geschrieben, dass ein Meister hoch und weit springen muss? Sollte ein Meister nicht auch seinem Körper und seiner Gesundheit mit Respekt begegnen? Grenzen ausloten ist toll und muss sein. Aber wirkliche Grenzen akzeptieren ist notwendig und zumindest für mich im mehrfachen Sinne oft schmerzhaft.

 

Mein Ziel ist vorerst der Schwarzgurt. Der Weg dahin ist noch lang. Es heißt für mich nicht nur die Hyongs zu beherrschen und die anderen sportlichen Übungen, die dazu gehören. Es heißt für mich vor allem, meinen Körper zu beherrschen und meinen

inneren Schweinhund zu meinem Begleithund abzurichten. Der ist nämlich eigentlich eher Bluthund. Mein Ziel ist aber nicht, mein Leben nur nach dem Taekwondo auszurichten. Das Taekwondo ist Teil meines Lebens. Genauso wie die Arbeit, die Familie und ein paar andere Dinge, die zusammen das Leben erst lebenswert machen. Mein eigentliches Ziel ist es, auch in fünf oder zehn Jahren meinen Körper noch zu beherrschen und mich nicht beherrschen zu lassen. Mein Ziel ist es, der Meister in meinem Leben zu bleiben. Das Taekwondo ist ein Teil dieses Weges.

Tobia Teich
Ich und Tae Kwon-Do - Ein Bericht von Tobia Teich
Erfahrungsbericht - 2018-01