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Plötzlich null Bock auf Kampfkunst - Ein Problem vieler Eltern

Warum du dein Kind während einer Null-Bock-Phase nicht vom Kampfkunstunterricht abmelden solltest.

Ein Artikel von GM Axel Schulze

Kampfkunstlehrer, Erfolgs- und Motivationscoach mit über 20 Jahren Kampfkunsterfahrung sowie Experte im Bereich der Kindererziehung mit über 12 Jahren praktischer Erfahrung - davon 7 Jahre im aktiven Grundschuldienst.


Null Bock auf Kampfkunst - Warum du dein Kind nicht sofort vom Unterricht abmelden solltest.
Foto: pixabay.com (vborodinova)

Wir wissen es alle: Sport beugt Übergewicht, Haltungsschäden und Koordinationsstörungen vor. Ebenso werden soziale Kompetenzen geschult und die geistige Leistungsfähigkeit gestärkt. Wer schon in jungen Jahren aktiv mit Sport beginnt, bleibt meistens auch im Erwachsenenalter dabei und schafft damit ideale Voraussetzungen für ein gesundes, körperlich und geistig leistungsfähiges und langes Leben. Genau aus diesen Gründen melden viele Eltern ihre Kinder in einer Kampfkunstschule an. Kinder lernen sich dort zu behaupten. Die kontrollierte Bewegung (körperlich und geistig) erleichtert es ihnen, Selbstvertrauen aufzubauen. Sie können in einer Kampfkunstschule Erfolgserlebnisse haben, lernen aber auch wie es sich anfühlt zu verlieren. Sie entwickeln Ehrgeiz, wenn sie ihre vorgegebenen, aber auch selbst gesteckten Ziele verfolgen – wie zum Beispiel das Meistern von Gürtelprüfungen oder Wettkämpfen. Sie werden respektvoller im Umgang mit anderen Kindern. Die teils strengen Regeln der verschiedenen Kampfkünste bieten ihnen innere Sicherheit und eine Stabile Entwicklungsrichtung.

 

Nun ist es allerdings so, dass die Laune der Kinder, und damit oft auch die Lust auf das Training, nicht linear verläuft. Sie durchleben, wie auch in der Schule oder im privaten Bereich, immer wieder Hochs und Tiefs. Leider vergessen Eltern gern genau dies und geben schon bei kleinsten Anzeichen einer Null-Bock-Phase nach bzw. auf. Das dies nur in den seltensten Fällen förderlich, meist sogar schädlich für die zukünftige Entwicklung des Kindes sein kann, wird nicht beachtet. Aber mal ehrlich: Wer kann von sich selbst behaupten, dass er jeden Tag mit gleicher Motivation an seine Aktivitäten herangeht? Auch wir Erwachsene haben unsere Hochs und Tiefs. Bei uns liegt der Unterschied allerdings darin, dass wir erkennen können, warum wir etwas tun - wir verstehen den Grund. Kinder können dies nur sehr selten selbst erkennen. Sie brauchen uns als Führung bzw. externe Impulsgeber.

All die vorgenannten Vorteile werden also oft innerhalb kürzester Zeit zunichtegemacht - nicht selten aus reiner Bequemlichkeit der Eltern. Die Null-Bock-Phase des Kindes siegt und die Eltern haben – scheinbar – ihre Ruhe. Natürlich geht diese Rechnung nicht auf. Der Grund ist auch recht einfach zu erklären: Kinder testen ständig sich selbst, ihre Eltern und alle anderen Personen in ihrem Umfeld. Es wird immer geschaut, wie weit man gehen kann. Lässt man die Kinder jetzt ständig gewähren, wird man die Rechnung hierfür nicht sofort bekommen. Sie kommt zeitversetzt,  spätestens im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter. Da sie nie gelernt haben etwas wirklich durchzuziehen und Null-Bock-Phasen zu überwinden, werden sie es im Bereich der Studien- und Ausbildungszeit eher schwer haben. Ihnen fehlt die Erfahrung, auch schwierigere Zeiten zu meistern. Natürlich gibt es Möglichkeiten, mit diesen Null-Bock-Phasen umzugehen. Ein paar einfache Regeln können schon sehr viel bewirken:

  1. Lass dein Kind nicht zu viele Aktivitäten auf einmal durchführen. Montags Kampfkunst, dienstags Musikschule, mittwochs Klettern usw. Das kann schnell zu viel werden. Zu viel Druck durch den Terminkalender bewirkt nur unnötigen Stress. Mit einem solchen Plan hätten schon Erwachsene Probleme. Kinder brauchen das genaue Gegenteil – genügend freie Zeit. Man kann sicher alles einmal ausprobieren. Festlegen sollte man sich aber immer auf ein bis max. zwei Aktivitäten. Alles andere ist auf Dauer schädlich für die Kinder.
  2. Hat man sich für eine Aktivität entschieden, z. B. das Kampfkunsttraining, sollte man dem Kind klar machen, dass es zu dieser Entscheidung auch für eine gewisse Zeit stehen muss. Eine vorab getroffene Vereinbarung mit dem Kind kann hier sehr hilfreich sein: „Wenn du das machen möchtest, musst du auch mindestens ein halbes, besser ein ganzes Jahr dabeibleiben.“. Natürlich könnte man jetzt einwerfen, dass dieser Zeitraum für ein Kind nicht überschaubar ist. Darum geht es allerdings an dieser Stelle nicht. Kinder sollen lernen zu ihren Entscheidungen zu stehen – auch über einen längeren Zeitraum, den sie vielleicht nicht genau überblicken können. Lernen sie das nicht, werden sie es später schwerer haben als Kinder, die sich frühzeitig entsprechende Eigenschaften aneignen konnten. Ausdauer ist eine der wichtigsten Eigenschaften für Erfolg. Ausdauer bedeutet, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und unablässig das als jeweils nötig erkannte zu tun. Die Quelle der Ausdauer ist die Willenskraft. Ohne Willenskraft und Ausdauer wird es ein Mensch nur selten zu etwas bringen.
  3. Als Elternteil sollte man sich recht früh die Fähigkeit aneignen, geschickt mit dem Kind zu verhandeln – es wird später einen unglaublich großen Nutzen daraus ziehen können. Es hilft dem Kind nicht, immer alles genau nach dessen Vorstellungen zu gestalten. Kinder sollen bei wichtigen Entscheidungen mitreden dürfen, dann aber auch zu diesen Entscheidungen stehen – gerade bei der Wahl der Hobbys.
Was ist nun so besonders am Kampfkunstunterricht, dass es gerade bei diesem wenig sinnvoll ist, einer Null-Bock-Phase zu leicht nachzugeben? Es ist die gebotene Vielfalt. Kein anderes Hobby verbindet derart viele Lern- und Entwicklungsbereiche wie das Kampfkunsttraining. Es gibt fortschrittliche Länder auf dieser Erde, die diese Eigenschaft bereits erkannt und das Kampfkunsttraining fest in die Schulen integriert haben. Interessanterweise sind hier nicht nur asiatische Länder zu finden. Schon der Norden Europas geht mit diesem Thema wesentlich offener und entwickelter um als wir in Deutschland. Hierzulande sind angepasste Angebote an Schulen noch eher die Seltenheit. Bei uns zählen nach wie vor Massensportarten wie Fußball, Basketball oder Handball. Interessant ist zu erwähnen, dass nicht wenige Fußballfunktionäre der Meinung sind, dass gerade dieser Sport in seiner jetzigen Form für Kinder "nicht optimal" ist. Man schaue sich einfach ein Training oder Spiel regionaler Mannschaften an. Es werden mehr Polizisten gebraucht als Spieler auf dem Platz stehen. Das Verhalten der dortigen Erwachsenen ist zudem nicht gerade das, was Kinder kopieren sollten. Genau das tun sie aber. Die vom Grundsatz her guten Eigenschaften der beispielhaft genannten Ballsportarten werden schnell durch äußere Einflüsse zunichte gemacht. Das Kampfkunsttraining ist aufgrund strengerer Regeln und Verhaltensweisen weniger anfällig für Störungen von außen. Respekt und Disziplin nehmen einen höheren Stellenwert ein.

 

Die Kampfkunstschule ist ein Ort der Begegnung mit gleichaltrigen und gleichgesinnten Freunden. Was gibt es besseres, als ein gemeinsames Hobby mit seinem Freundeskreis zu pflegen? Ein Tipp: Kinder sollten immer motivierend auf die nächste Stunde vorbereitet werden. Wecke Spannung und Vorfreude. Denn sportliche Zusammenkunft kann Kindern nur dann regelmäßig gelingen, wenn sie von ihren Eltern organisiert ist. Eine scheinbar kleine Aufgabe mit sehr großer Bedeutung, heißt es doch: In keiner Lebensphase ist Bewegung (körperlich und geistig) so wichtig wie in der (frühen) Kindheit.

 

Ich bin offen für Kommentare und Meinungen zum Thema und freue mich auf zahlreiche Diskussionen im Web, per Mail, Messenger oder auch im direkten Gespräch. Interessierte Eltern, aber auch gemeinnützige und privatwirtschaftliche Kampfkunst- und Kampfsportschulen werden gern zum Thema beraten. Meine Kontaktdaten finden Sie am Ende dieser Seite.

 

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