· 

Abzocke mit Kindern - Warum viele Selbstverteidigungskurse nicht funktionieren

Selbstverteidigung für Kinder - Abzocke der Eltern

Ein Artikel von Axel SchulzeKampfkunstlehrer, Erfolgs- und Motivationscoach (mycoaching.club) mit über 20 Jahren Kampfkunsterfahrung sowie Experte im Bereich der Kindererziehung mit über 12 Jahren praktischer Erfahrung, davon 7 Jahre im aktiven Grundschuldienst. Zusatzqualifikation: Gewalt- und Präventionstrainer - Diplom (Bundesverband Gewaltprävention e. V.)


Warum Kurse zum Thema Selbstverteidigung für Kinder nurt in den wenigsten Fällen funktionieren.
Foto: pixabay.com (Greyerbaby)

Kinder können sich nur in den seltensten Fällen effektiv selbst Verteidigen!

Aktuell ist es wieder in aller Munde: Kinder sollen in speziellen Kursen lernen, sich selbst zu verteidigen. Für die Eltern ein schöner Gedanke. Für einen Festbetrag sollen Kinder innerhalb weniger Stunden derart intensiv geschult werden, dass sie sich anschließend in einer Notsituation effektiv selbst verteidigen können. Ein verführerischer Gedanke, nicht wahr? Die Anbieter sind schließlich allesamt Profis. Die wissen doch, wovon sie reden – und was sie schreiben bzw. sagen, macht inhaltlich auch Sinn. Warum also nicht zuschlagen und das Kind für so einen Kurs anmelden, sich locker zurücklehnen und die Profis machen lassen?

 

Doch halt! Ist es wirklich so einfach? Kann ein solcher Kurs wirklich dafür sorgen, dass sich ein Kind in einer echten Notsituation selbst schützen bzw. verteidigen kann? Ein Kind lernt in so kurzer Zeit für gewöhnlich weder laufen, lesen, schreiben noch rechnen. Sollen die Aussagen der zahlreichen „professionellen“ Anbieter also wirklich stimmen? Die Antwort ist kurz und denkbar einfach: Nein!

 

Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit asiatischen Kampfkünsten. Seit über 12 Jahren arbeite ich eng mit zahlreichen Grund- und Regelschulen sowie Gymnasien zusammen. Knapp 7 Jahre habe ich täglich an verschiedenen Grundschulen im aktiven Dienst verbracht. Die eingangs gestellten Fragen sind für mich daher recht schnell und einfach zu beantworten: Kinder können sich nur in den wenigsten Fällen wirklich effektiv selbst verteidigen. Schon ihre körperlichen Eigenschaften sprechen dagegen. Die gelehrten Techniken können als zumeist uneffektiv und für das gewünschte Ziel unbrauchbar bezeichnet werden. Kinder sind kleiner, leichter und unerfahrener als ausgewachsene und ältere Menschen. Bis zu einem Alter von ca. 10–11 Jahren ist es noch ein Leichtes, sie einfach zu packen und mitzunehmen. Die Gegenwehr, wenn nicht wirklich regelmäßig trainiert, kann vernachlässigt werden. Der Schreck sitzt zu tief und der Körper ist in den meisten Fällen zu schwach. Man kann den Kindern beibringen zu schlagen, zu treten und zu schreien. Wirklich funktionieren wird das aber nur dann, wenn es regelmäßig geübt wird. Ein 1-Tages-Wunderkurs oder auch ein Wochenseminar kann dies nicht bieten. Wie eingangs schon beschrieben, lernt ein Kind in derselben Zeit weder Schreiben, Lesen oder Rechnen.

Wie kann man trotzdem etwas zur Vorbeugung tun?

Die einzig sichere Methode sein Kind effektiv zu schulen ist regelmäßiges Training, verbunden mit einer speziellen, kindgerechten Verhaltensschulung – bei einem Experten. Das geht nicht von heute auf morgen, kostet Geld und setzt einen fähigen Partner mit umfangreicher Praxiserfahrung im Bereich Kampfkunst und Kindererziehung voraus. Diese Kombination ist allerdings eher selten zu finden. Die meisten Kampfkünstler sind zwar hervorragend in ihrem Fach – speziell im Bereich Kinderselbstverteidigung allerdings unbrauchbar. Zu oft werden traditionelle Kampfkunsttechniken als Mittel zur effektiven Selbstverteidigung für Kinder gelehrt, ohne dabei auf die wirklichen Gegebenheiten zu achten. Die Techniken können schon aus einem ganz simplen und eher banalen Grund nicht funktionieren: Sie wurden ursprünglich von Erwachsenen für Erwachsene entwickelt. Kinder spielten in den wenigsten Fällen eine tragende Rolle.

 

Hat man aber einmal einen Experten auf diesem Gebiet gefunden, bieten sich Lösungen, die tatsächlich funktionieren können. Innerhalb der praktischen Trainingseinheiten werden verschiedenste Techniken immer wieder geübt. Hier spielen die vermittelten Techniken selbst allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist der Aufbau eines starken Geistes in einem starken Körper. Wenn Kinder zugleich fit und selbstbewusst gemacht werden, hat man schon einen großen Teil der Präventionsarbeit geleistet. Hinzu kommen umfangreiche Grundlagenschulungen zum Verhalten gegenüber Fremden oder dem Verhalten an unbekannten Orten. Ein Kind definiert einen Fremden z. B. ganz anders als ein Erwachsener: Die unbekannte Person, die jeden Tag oder jede Woche regelmäßig im Bus oder der Bahn mitfährt, ist auf Dauer nicht mehr fremd. Die Person, die auf dem Nachhauseweg immer wieder am Kind vorbei läuft, ist nicht fremd. Kinder haben hier eine andere Wahrnehmung. Testen Sie es doch selbst einmal aus, wechseln sie einmal die Perspektive. Hocken sie sich im Beisein anderer Erwachsener hin und achten dann genau auf Ihre Umgebung und ihre Gefühle. Aufgrund mangelnder Erfahrung schätzen Kinder gefährliche Situationen oft ganz anders ein als ein Erwachsener. Sie reagieren so, wie es gerade nicht sinnvoll ist. Hier gilt es intensiv zu schulen und aufzuklären. Anzumerken ist an dieser Stelle auch, dass ein Großteil der Gewalt gegen Kindern aus dem direkten Umfeld kommt. Die Beziehung des Kindes zum möglichen Täter, bzw. der möglichen Täterin, spielt hier eine sehr große Rolle.

Wie findet man einen qualifizierten Experten?

Es gibt ein paar einfache Regeln um einen Experten im Bereich der Selbstverteidigung für Kinder von einem normalen Kampfkünstler zu unterscheiden:

  1. Ein Experte im Bereich der Kinderselbstverteidigung kommt auch immer aus diesem Bereich. Er kann eine langjährige Kampfkunstausbildung sowie mehrjährige, umfangreiche praktische Arbeit im Umgang mit Kindern nachweisen. Er hat zudem Zusatzqualifikationen, die ihn als Experten auszeichnen (Diplom, Zeugnisse,…).
  2. Der Experte arbeitet freiwillig mit öffentlichen Stellen (Polizei, Kinderschutzorganisationen, …) zusammen.
  3. Ein Experte bildet sich regelmäßig und nachweißbar weiter und sollte zudem in einem übergeordneten, offiziell anerkannten Dachverband zum Thema gemeldet und aktiv sein.
  4. Ein Experte informiert interessierte Eltern oder auch Lehrkörper vorab über die Inhalte seines Programms und die daraus entstehenden Chancen, aber auch Gefahren.
  5. Die vom Experten genutzten Techniken sind leicht nachvollziehbar und erlernbar. Sie folgen keiner festen Kampfkunst und sind stets auf Effektivität ausgelegt. Was nicht funktioniert, wird grundsätzlich weggelassen.
  6. Ein Experte bietet keine Wunderkurse von kurzer Dauer an. Für gewöhnlich sollte eine Schulung mindestens über ein halbes, wenn nicht sogar über mehr als ein ganzes Jahr gehen, wobei sein Hauptaugenmerk auf der Sensibilisierung sowie der Stärkung der Persönlichkeit (körperlich und geistig) liegt. Er wird Ihnen auch genau sagen, was ein Kind kann und was nicht.
  7. Ein Experte wird immer nach den persönlichen Hintergründen zum Einstieg in einen entsprechenden Kurs fragen. Das Einbeziehen und zusätzliche Schulen der Eltern ist ebenfalls selbstverständlich für ihn.

Wie man sieht, ist das Thema Selbstverteidigung für Kinder nicht so einfach, wie man es als Eltern vielleicht gern hätte. Da in diesem Bereich, innerhalb kurzer Zeit, sehr viel Geld verdient werden kann (die Angst der Eltern lässt die Kassen der Anbieter ordentlich klingeln), gibt es zahlreiche „Möchtegern-Anbieter“ mit mangelhafter Qualifikation und einem teilweise eher  gefährlichen Verständnis von Selbstverteidigung für Kinder. Ihnen geht es vorrangig um das schnelle Geld und weniger um die Sicherheit der ihnen anvertrauten Kinder. Speziell bei diesem Thema gilt es also die Augen und Ohren offen zu halten und stets kritisch zu hinterfragen. Glauben sie nicht sofort alles, was ihnen schön bunt auf versprochen wird. Es geht um die Sicherheit Ihres Kindes.

 

Eltern, und auch Kitas bzw. Schulen, sollten sich genau ansehen, was ein möglicher Partner in diesem Bereich zu bieten hat. Ein einwandfreier und lückenloser Qualifikationsnachweis ist ebenso wichtig wie die Fähigkeit, Kinder zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten. Wer nicht regelmäßig mit Kindern arbeitet, kann schon aufgrund des mangelnden Verständnisses für ihre Sichtweise kein vertrauenswürdiger Experte sein. Rein theoretisches Wissen kann in diesem Bereich fehlende praktische Erfahrung nicht ausgleichen oder gar ersetzen.

 

Abschließend bleibt noch zu erwähnen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die weniger gefährlich ist, als es oft dargestellt und wahrgenommen wird. Mit Angst lässt sich sehr leicht viel Geld verdienen, ohne einen effektiven Nutzen zu erbringen. Das Spiel mit der Angst, vor allem dann, wenn Kinder im Spiel sind, verändert das Zusammenleben der Menschen nachhaltig. Die Zusammenhänge mögen dem ein oder anderen vielleicht abstrakt vorkommen. Da wir unsere Kinder allerdings immer mehr unter Beobachtung stellen, leidet deren persönliche Entwicklung. Die Rechnung hierfür bringt die Zeit.

 

Ich bin offen für Kommentare und Meinungen zum Thema und freue mich auf zahlreiche Diskussionen im Web, per Mail, Messenger oder auch im direkten Gespräch. Interessierte Eltern, aber auch allgemeinbildende Schulen, gemeinnützige und privatwirtschaftliche Kampfkunst- und Sporteinrichtungen werden gern zum aktuellen Thema beraten. Meine Kontaktdaten finden Sie am Ende dieser Seite.

Abzocke mit Kindern - Warum viele Selbstverteidigungskurse nicht funktionieren