Macht Kampfkunst/-sport aggressiv und gewalttätig?

Ein Bericht von Dipl. Psychologe Christian Bischoff 

Welcher Kampfkünstler bzw. -sportler, egal ob Karateka, Judoka, Kickboxer oder Taekwondoin kennt nicht die folgende erste Reaktion anderer Menschen, wenn diese erfahren, dass man sich Kampfkunst oder Kampfsport verschrieben hat: „Ach, du machst Kampfsport?! Dann muss ich ja jetzt aufpassen!“ Unabhängig von der leicht überspitzt formulierten und nicht weiter ernst zunehmenden Aussage wird die häufig anzutreffende implizite Einstellung zum Thema Kampfkunst/-sport und Aggressionen bzw. Gewalt deutlich. Dem Vorurteil, dass man durch das regelmäßige Training einer der unzähligen Kampfkünste bzw. -sportarten aggressiver oder gewaltbereiter wird, begegnet man auch häufig in Medien, was zu einer gespaltenen Wahrnehmung der Martial Arts beigetragen hat.


Doch wie sieht es nun tatsächlich aus? Im Gegensatz zur geläufigen Hypothese konnten zahlreiche empirische Untersuchungen positive Effekte der Kampfkünste nachweisen, wie die Abnahme von Aggressionen,Ängstlichkeit und depressiven Tendenzen, die Verbesserung des Selbstvertrauens,die Zunahme von sozialen Kompetenzen, gestiegene Autonomie und der Erwerb von problem- und emotionsfokussierten Bewältigungsstrategien, um nur eine Auswahl an Wirkungen zu nennen. Eine systematische Übersicht von Forschungsarbeiten zu den Effekten von Kampfkunst findet sich bei Jahn (2009).

Bei den Betrachtungen ist die Unterscheidung von Kampfkunst und Kampfsport wichtig. In den Kampfkünsten, zu denen man u.a. Aikido, Karate und Taekwon-Do zählen kann (sofern es sich nicht um die auf den Wettkampf ausgerichteten Stile handelt), geht es ähnlich wie in den anderen Künsten, z.B. Malerei, Bildhauerei und Musik um die Vervollkommnung eines Kunstwerks. In der Kampfkunst macht man sich selbst zum Projekt, indem man neue Techniken und Bewegungsabfolgen erlernt, sich dabei wahrnimmt, ständig reflektiert und an seinen Stärken und Schwächen feilt. An dieser Stelle wird es schon fast zur philosophischen Betrachtung, denn das Ziel ist nicht Perfektion. Der Maler wird durch das Malen zum Künstler, nicht durch das Gemälde. Im Sinne einer Weg-Lehre wird durch die Technik – beim Maler durch das Malen, beim Kampfkünstler durch das Kampfkunsttraining – eine Harmonie zwischen Körper und Geist hergestellt.
Beim Kampfsport verhält es sich häufig so, wie bei anderen Sportarten auch: Im Training rüstet man sich für den Wettkampf gegen einen Gegner, um Gewinner und nicht Verlierer zu sein. In diesem Sinne kommt es häufig zur Ritualisierung von Aggressionen und Gewalt, man spricht von „Beschädigungskampf“.Einer generellen Verteufelung von Boxen, Muay Thai oder Mixed Martial Arts ist jedoch dagegen zuhalten, dass der Rolle des Trainers/Lehrers bei der Vermittlung der jeweiligen Kampfsportart eine große Bedeutung zukommt, was natürlich auchfür die Kampfkünste gilt. Darüber hinaus werden zunehmend die pädagogischen (z.B. beim außerunterrichtlichen Leichtkontaktboxen „Boxe Éducative“, siehe Marquardt,2010) und therapeutischen Potentiale (z.B. beim Therapeutischen Boxen nachHenning, 2008) von Kampfsport erkannt. „Kampfsport ist nicht per se destruktivund zerstörerisch und im Kampfgeschehen können sehr wohl hoch zivilisierte,geistige oder spielerische Formen zum Vorschein treten… Es wird vom Lernen den nicht nur die Bereitschaft abverlangt auf körperlicher Ebene intensiv und dauerhaft (an sich) zu arbeiten, sondern ein enormes Maß an (Selbst-)Disziplin und Ausdauer – sowie abstrakt-planerischer Handlungskontingente bzw. der Fähigkeit zur Selbstorganisation gefordert“ (Zajonc, 2011).


Wenn man Studiendaten betrachtet, scheint sich das Paradoxon, dass Kampfkunst und mit gewissen Einschränkungen auch Kampfsport Aggressionen abbaut, zu bestätigen. Für viele Praktizierende ist dies nichts Neues. Kampfkunst/-sport ist für viele u.a. deshalb ein idealer Freizeitausgleich, für manche wird es sogar zum Lebensweg.

 

Literatur:

Henning, A. (2008). Psychiatrie: Boxen als Therapie. Physioactive, 2, 8- 13. Jahn, T. (2009). Extremgruppenvergleichvon Jiu-Jitsukas, Judokas und Nicht-Sportlern hinsichtlich ausgewählter Persönlichkeitsmerkmale. Diplomarbeit, Universität Wien. Marquardt, A. (2010). Boxsport im Aktionsprogramm Schule – Sportverein in Niedersachsen (Projektbericht).Hannover: Leipniz Universität. Zajonc, O. (2011). Kämpfen als Gewaltprävention? – ein Umriss. In M. von Saldern (Hrsg.), Meisterung des Ichs. Budo zur Gewaltprävention (S. 151-170). Norderstedt: Books on Demand